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2. Österreich-Ungarn

Ein großer Teil von Freuds Reisen führte in Gebiete, die heute zu Italien und Jugoslawien oder auch zur Tschechoslowakei und Ungarn gehören, bis 1919 aber Teil der Donaumonarchie waren. Innerhalb Österreich-Ungarns fuhr Freud häufig nach Südtirol, aber er verbrachte auch zwei Sommer in der Hohen Tatra und mehrere Kuraufenthalte in Karlsbad und Bad Gastein.

Besonders das Hochgebirge übte auf Freud eine große Anziehungskraft aus und er benutzte jede Gelegenheit zu einem Ausflug oder Urlaub in den Alpen. Zum ersten Mal sah er sie 1875 als er sich von Wien aus auf den Weg nach England machte. Ein Jahr später fuhr er zweimal nach Triest und konnte so einen Blick auf die Steirischen und Julischen Alpen werfen. Doch richtig genießen konnte er die Macht und Ruhe, die große Gebirgsmassive ausstrahlen erst im Juli 1883, als Josef Breuer ihn zum Urlaub nach Gmunden im Salzkammergut einlud. Ernest Jones zitiert einige Briefe mit Freuds Berichten von der Fahrt mit Breuer nach Gmunden und seinen ersten Eindrücken: "The journey was very pleasant. I had seen nothing of the district served by the Western railway and he did not tire of explaining it all to me. The Wiener Wald to St. Pölten is quite charming. Then we went along the valley of the Danube, where the most beautiful sight was the monastery of
 
 

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Melk; it is similar to that of Klosterneuburg, but is larger and more nobly built. On a hill nearby we saw the Maria Taferl church and we agreed that, like so many others, the site must have been one of ancient heathen sacrifices, which has simply changed its name. We crossed several tributaries of the Danube which had previously only been names to me, and then the Alpine chain came into view, including the Traunstein which is visible from everywhere in Upper Austria ... To travel with a man whose mind is so alive, a man of such keen judgement, wise knowledge and freely
flowing thoughts, was a pleasure that was disturbed only by the consciousness of my own inferiority. We got to Gmunden at half past nine, but the station is half an hvur away, so all we could see was a sheet of water and two dark masses of rocks." (Jones 1954, S. 82). Über den ersten Tag seines Aufenthaltes in Gmunden schreibt Freud dann Folgendes: "It was a lovely morning, so I went forth to discover Gmunden. The delight of the first moments in a strange place is overpowering. I observed that we lived at a distance from the town; I took a good look from my window and absorbed the details of the fine view. There was the dark green lake extending so far that one could not see the end of it. Looking across it one sees two mountains. The first one slopes gently, with a few villas at its foot. It is the Grünberg, so-called because of the clothing of verdure that matches the green of the lake. And near it, dominating the whole landscape, is the mighty Traunstein, of a lighter colour beause of the absence of vegetation, that rises perpendicularly from the lake to a height of 5000 feet. That is really the end of the Alps, for on the other side the Gmunden bowl is formed by a couple of hills belonging to the Danube chain. It is hard to believe that the Traunstein is five times as high as the Grünberg; it looks as if it were only slightly
 
 

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topping it. Besides the Traunstein there is a series of Mountaln peaks with a contour as I have sketched it for you; popular phantasy sees a human profile in it, the classical profile of a sleeping Grecian woman. Beyond there are more and more high mountains towards Aussee. Below our villa I found on my voyage of discovery another one, belonging to the Archduchess Elizabeth, the mother-in-law of the King of Spain. Then I descended to the town, curious to know what was this ‘Esplanade‘ of which I had heard. It turned out to be a long avenue along the side of the lake, shady
and with charming views on the lake, into which various little pavilions, cafés and bandstands are built out. Parallel with it is the main street from which the side streets climb up the steep hill. At the end of the Esplanade are two or three squares, one with a kursaal and garden, another with the Town Hall. Then suddenly one passes through an archway into a narrow street with high houses, and down the middle of it runs a stream of bubbling clear water coming from the lake which roars over foaming waterfalls above and below the sluices." (Jones 1954, S. 82f.)

Nach diesem für Freud so erfüllten Urlaub sollten acht Jahre vergehen, bevor er wieder ein paar Tage im Hochgebirge verbringen konnte. Im August 1891 schreibt er an Fließ: "Morgen beginne ich eine Tour ins Gesäuse und auf den Dachstein von einwöchentlicher Dauer . ." (Freud 1986, S. 15) und 1896 verbrachte er mit seiner Familie den Sommerurlaub in Obertressen und unternahm von dort aus Ausflüge ins Kapruner Tal und in die Lichtensteinklamm.

Doch am meisten liebte er wohl die Dolomiten (Abb. 21: Karersee mit Latemar ) und die Gegend um das Stilfserjoch. Nachdem er diesen Paß zum ersten Mal im August 1898 mit Minna überwunden hatte, zog es ihn im Sommer 1900 zum zweiten Mal ins Ortlergebiet. An Fließ schrieb er über diese Reise: "Die
 
 

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schöne Stilfserjochstraße (Abb. 22: Stilfserjochstraße ) haben wir zu wiederholten Malen gemacht. Dann reisten wir ... nach Sulden, wo zwei der herrlichsten Tage über uns kamen, gerade als wir am Wetter verzweifeln wollten. Die Schaubachhütte (Abb. 23: Schaubachhütte am Suldenferner ), zu der wir über 'Glatteis' gingen, war imposant." (Freud 1986, S. 465). In den Dolomiten verbrachte Freud dann auch mehrmals seinen Urlaub mit der Familie: In Lavarone 1906 und 1907, in Klobenstein zur Feier der Silberhochzeit 1911, am Karersee bzw. in San Cristoforo 1912, in San Martino di Castrozza 1913 und wiederum in Lavarone 1923. Dieser  Ort war für ihn der schönste in Südtirol. Er hatte ihn im September 1900 gemeinsam mit Minna entdeckt: "Minna wollte eine Höhenstation verkosten; wir gingen darum eine schauerlich schöne Bergstraße nach Lavarone (1200 m), ein Hochplateau abseits vom Valsugana, wo wir den herrlichsten Nadelwald fanden und eine ungeahnte
Einsamkeit." (ebenda).


 

Im Jahre 1906 schrieb Freud in Lavarone im "Hotel du Lac" (Abb. 24: Hotel du Lac in Lavarone ) seine Arbeit über Jensens "Gradiva" nieder (Freud 1907), und im Jahre 1979 brachten italienische Psychoanalytiker an diesem Hotel eine Gedenktafel an, die auf dieses Ereignis hinweist. Über den Ablauf eines Tages in den Dolomiten schreibt Freud Ostern 1905 an seine Familie: "Wir (Freud und Alexander, C. T.) waren also bei schönem warmem Wetter, obwohl nebligem Himmel, so daß man die vielen schneeweißen Berge nicht von den Wolken trennen konnte, in Dreikirchen. Also das müßt Ihr Euch so vorstellen. Von Waidbruck, gerade vis-a-vis der Trostburg, die wiederum so einem Kannitverstan von Wolkenstein gehört, muß man einen Hügel hinauf, ungefähr so hoch wie der Leopoldsberg; der Weg ist auch nicht viel besser, zieht sich in steilen Serpentinen etwa vierhundertfünfzig Meter hoch, ist recht schmal, so daß nur ein leich-
 
 

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tes Wägele dort fahren kann ... Es war schön warm, auf dem Berg wächst Wein in schönen Terrassen, und da darf es bekanntlich warm sein. So ein erster Marsch ist nicht bequem, die neuen Stiefel haben sich allerdings großartig bewährt, sie sind so vertraut, als wären sie mit einem geboren ... Also wir marschierten und hielten nach etwa Dreiviertelstunde im Schatten einiger besonders schöner Vergißmeinnicht Rast, bis wir ausgeruht waren. Nach etwa Dreiviertelstunde kommt man zu einem Dorf, St. Barbian, und damit ist das Stück, welches dem Leopoldsberg vergleichbar ist, zu Ende. Dann geht es auf einem mit Steinen gepflasterten Weg recht steigend, aber doch mehr seitwärts herum durch einen schönen Wald, der den einen Fehler hat, nicht zu enden. Man ist über tausend Meter und darum in den Vorfrühling zurückversetzt, unten gab es allerdings Blumen, von denen hier Proben beiliegen, später nur Erika und zuletzt Krokus, weiß und violett, hier oben die ersten Frühlingsblumen wie ihre Verwandten, die Herbstzeitlosen dann die allerletzten. Endlich kommt man aus dem Wald heraus, hat eine Aussicht vor sich wie eine Landkarte, das Eisacktal von Klausen bis Waidbruck, oben alle unbekannten Berge bis zum Schlern, das Grödnertal als einen leichten Riß gegenüber und findet dann ein großes Holzhaus, aber keinen Menschen darin. Alle Erkundigungen müssen also im Tal eingezogen werden. Die Wände dieses Hauses sind zum Teil Kistendeckel gewesen, wie käme sonst das 'Nicht stürzen' darauf, das doch nicht eine Mahnung an den Wind sein kann? Es war eine entzückende Einsamkeit, Berg, Wald, Blumen, Wasser, Schlösser, Klöster und keine Menschen. Auf dem Rückweg begann es zu regnen, aber gnädig. Das Abendessen hat dann sehr geschmeckt. Morgen geht es nach St.
Ulrich und Wolkenstein." (Freud 19G0, S. 245f.)
 
 

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Doch nicht immer ging alles so glatt und reibungslos Als Freud und sein Sohn Martin im Sommer 1906 den Höhenrücken zwischen dem Lago di Molveno und dem Val Lagarina überwinden wollten, ereignete sich ein Zwischenfall, den Ernest Jones so beschreibt: "Ihr Plan war, zum Monte Gazza zu wandern, aufzusteigen und hinunter nach Molveno zu gehen. Es handelte sich darum, herauszufinden, ob sich Molveno als Ferienort für das nächste Jahr eignen würde. Sie nahmen ihren Weg über Cadine, wo sie frühstückten, dann an Terlago vorbei um den See herum nach Covello, und hier begann ihr Aufstieg. Nun, der Monte Gazza ist besonders dürr, ohne jede Spur von Wasser oder Schatten. Ein tüchtiger Wanderer kann unter günstigen Umständen in einem sechsstündigen Marsch hin überkommen; aber dies in der brennenden Augustsonne Zu versuchen, zeugte von wenig Kenntnis der lokalen Verhältnisse. Nach einer Weile langsamen Voranschreiten bemerkte Martin, daß sein Vater nicht gefolgt war, und fand ihn nach kurzem Suchen an einen Stein angelehnt. Er war purpurrot, fast violett im Gesicht und konnte nur mit einer Geste bedeuten, daß er trinken wolle. Der Sohn, da zu erzogen, keine überflüssigen Bemerkungen zu machen fragte ihn nicht erst, ob er sich schlecht fühle, sondern reichte ihm die Chiantiflasche. Sein Vater war in einen solchen Zustand, daß er die ganze Flasche austrank, ohne erst den Aluminiumbecher aus der Tasche zu nehmen, ja seine Mißachtung der Sitten und Gebräuche ging so weit daß er seinen Kragen öffnete und die Krawatte von sich warf. Dies fiel seinem Sohn als etwas so Ungewöhnliche auf, daß er daraus auf einen schweren Notfall schloß. Je doch gab es keine anderen Anzeichen dafür, daß er sonst aus der Ruhe gebracht sei. Nach einigem Ausruhen ging die Störung, wahrscheinlich ein Hitzschlag, vorüber; aber
 
 

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sie beschlossen doch, vorsichtshalber die Besteigung auf einen anderen Tag zu verschieben, und gingen wieder auf ihren eigenen Spuren den Weg nach Terlago zurück, wo sie einen Wagen nahmen, der sie nach Trient und dann, diesmal auf einem anderen Wege, über San Michele nach Mezzolombardo führte. Da fand sich ein anderer Wagen, der nach Andalo und schließlich nach Molveno, ihrem Ziel hinauffuhr. Diese Fahrten allein hatten acht Stunden gedauert." (Jones 1984, Bd. 2, S. 41f.).

Doch auch in den Bergen und weit weg von Rom und Pompeji ließ Freud keine Gelegenheit ungenutzt, antike Stätten zu besuchen.21 Im September des Jahres 1900 machte er z.B. eine Fahrt durch das an antiken Funden reiche Nonsthal in Südtirol, in dessen Hauptort Cles einst ein Saturn-Tempel gestanden hat. Und Freuds Besuche des Schlosses Miramare (Abb. 5 S. 56) galten hauptsächlich der Sammlung ägyptischer Denkmäler, "welche von einem für die Wissenschaft begeisterten Mitglied unseres durchlauchtigsten Kaiserhauses, Seiner Majestät, dem Kaiser Maximilian I. von Mexico, theils durch Ankauf von dem ehemaligen k.k. österreichischen Generalconsul in Ägypten, Anton Ritter von Laurin, zum größten Theil aber auf Allerhöchst Desselben Reise im Jahre 1855 an Ort und Stelle selbst erworben wurde." (Reinisch 1865, S. VIII). Freud besaß das Buch von Reinisch und ist wohl erst dadurch auf Schloß Miramare aufmerksam geworden. Reinisch stellt die Kollektion in Miramare in eine Reihe mit den "reichen ägyptischen Sammlungen des Louvre, des Britischen Museums, den Sammlungen in Turin, Leyden, Berlin, Wien, München, Florenz, Neapel" (ebenda). Auch die Dalmatienreise im September 1898 führte Freud an antike bzw. mittelalterliche Stätten: Nach Spalato (heute Split) mit dem Palast des römischen Kaisers
Diokletian

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und nach Ragusa (heute Dubrovnik) mit seinem Dogenpalast und zahlreichen Klöstern. Über den Ausflug, den Freud von dort aus unternahm schreibt er später: "Während der Sommerferien unternahm ich einmal von dem schönen Ragusa aus eine Wagenfahrt (Abb. 4, S. 53) nach einer benachbarten Stadt in der Herzegowina; das Gespräch mit meinem Begleiter beschäftigte sich, wie begreiflich, mit dem Zustand der beiden Länder (Bosnien und Herzegowina) und mit dem Charakter ihrer Einwohner Ich erzählte von verschiedenen Eigentümlichkeiten der dort lebenden Türken, wie ich sie vor Jahren von einen lieben Kollegen hatte schildern hören, der unter ihnen lange Zeit als Arzt gelebt hatte." (Freud 1898, S. 520f.). Es ist die nämliche Wagenfahrt, auf' der Freud sich nicht an den Namen Signorellis erinnern kann und die er auch in der "Psychopathologie des Alltagslebens" erwähnt. Jones schreibt, daß das Ziel dieses Ausflugs Cattaro (heute Kotor gewesen sei (Jones 1984, Bd. 1, S. 390). Gegen diese Deutung sprechen jedoch folgende Gründe: 1. Von Ragusa bis Cattaro sind es fast 100km und bei dem unwegsamen Küstengelände hätte das eine mehrtägige Reise erfordert Freud spricht aber von einen "kleinen Ausflug" (Freud 1986, S. 357). 2. Cattaro gehörte nicht zur Herzegowina sondern zu Montenegro; 3. Die Ragusa am nächsten liegende ("benachbarte") Stadt in der Herzegowina ist Trebinje. Sie liegt etwa 30km östlich am Fluß Trebisnijca, hat ausgeprägt türkischen Charakter und gut erhaltene Befestigungsanlagen und Moscheen. Cattaro dagegen ist nie türkisch gewesen und war deshalb als Ziel dieses Ausflugs ungeeignet. Meines Erachtens spricht einiges dafür, daß Freud mit dem "Berliner Assessor (Freud 1986, S. 357 Trebinje besucht hat. Allerdings ist er auch in Cattaro gewesen (vgl. Freud 1900, S. 217). Vermutlich hat er aber für
 
 

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diesen Besuch den Liniendienst des Österreichischen Lloyd (Abb. 13 S. 82) zwischen Ragusa und Cattaro benutzt.

Im gleichen Jahr 1898 hatte Freud mit Alexander zu Ostern einen Ausflug nach Aquileja und Grado unternommen. Die Beschreibung dieser kleinen Reise gehört zu den spritzigsten und geistvollsten, die uns bisher bekannt sind: "Wir fuhren Freitag abends (Alexander und ich) vom Südbahnhof fort und langten Samstags 10 h früh in Görz an, wo wir im hellen Sonnenschein zwischen weißgestrichenen Häusern spazierten, weißblühende Bäume sahen, Orangen und kandierte Früchte essen konnten. Dabei sammeln wir Erinnerungen, die Aussicht von der Festung erinnert an Florenz, die Fortezza selbst an S. Pietro in Verona und an die Burg in Nürnberg ... Der Isonzo ist ein herrlicher Fluß. Auf dem Wege begegneten wir drei Zügen der Julischen Alpen. Am Sonntag hieß es früh aufstehen, um mit der friaulischen Lokalbahn bis nahe Aquileja zu kommen. Die ehemalige Großstadt ist ein kleiner Misthaufen, das Museum zeigt freilich einen unerschöpflichen Reichtum an Römerfunden: Grabsteine, Amphoren, Göttermedaillons vom Amphitheater, Statuen, Bronzen und Schmuck. Mehrere priapäische Darstellungen. Eine Venus, die sich von dem eben geborenen Kinde unwillig abwendet, nachdem ihr das Membrum gezeigt worden ist; Priapus als alter Mann, dem ein Silen die Scham verhüllt, der sich von jetzt an also dem Trunk ergeben wird. Ein steinernes Priapusornament, der Penis als Flügeltier, von dem an natürlicher Stelle ein kleinerer abgeht, während die Flügel selbst als Penis endigen. Der Priapus war die festgehaltene Erektion, die Wunscherfüllung als Gegensatz der psychischen Impotenz. Um 10 h wurde von einem merkwürdigen Motor ein kleiner Dampfer in den Kanal von Aquileja (Abb. 7 S. 57) geschleppt, der gerade niedriges Wasser hatte. Der
 
 

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Motor hatte einen Strick um den Leib und rauchte während seiner Tätigkeit Pfeife. Den Dampfer hätte ich gerne den Kindern mitgebracht, er war aber als einzige Weltverbindung nach dem Kurort Grado nicht zu entbehren. Eine 2 1/2 stündige Fahrt durch die ödesten Lagunen brachte uns nach Grado, wo wir endlich wieder am Strande der Adria Muscheln und Seeigel sammeln konnten.

Noch am Nachmittag kamen wir nach Aquileja zurück, nachdem wir von unseren Vorräten und von einem köstlichen Istrianerwein auf dem Schiff Mahlzeit gehalten hatten.
 
 

Im Dom von Aquileja (Abb. 25: Dom von Aquileja) waren gerade mehrere hundert der schönsten Friauler Mädchen zur Feiertagsmesse versammelt. Die Pracht der alten romanischen Basilika tat wohl mitten in der Armut der Neuzeit.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Auf den Rückweg sahen wir ein Stück alter Römerstraße mitten in einem Feld freigelegt (Abb. 26: Forum Romanum in Aquileja). Ein rezenter Betrunkener lag auf den antiken Pflastersteinen. Am selben Abend kamen wir noch nach Divaca auf dem Karst, wo wir übernachteten, um am nächsten und letzten Tag Montag die Höhlen zu besuchen. Am Vormittag gingen wir in die Rudolfshöhle, 1/4 Stunde von der Station, angefüllt mit allerlei seltsamen Tropfsteinbildungen, Riesenschachtelhalmen, Baumkuchen, Stoßzähnen von unten, Vorhängen Maiskolben, faltenschweren Zelten, Schinken und Geflügel von oben herabhängend. Das Merkwürdigste war unser Führer, im schweren Alkoholdusel, aber ganz sicher und humoristisch belebt. Er war der Entdecker der Höhle selbst, ein verkommenes Genie offenbar, sprach immer von seinem Tode, seinen Konflikten mit den Geistlichen und seinen Eroberungen in diesen unterirdischen Reichen Als er äußerte, daß er schon in 36, Löchern im Karst gewesen, erkannte ich ihn als Neurotiker und sein Konqui-
 
 

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stadorentum als erotisches Äquivalent. Er gab wenige Minuten später die Bestätigung, denn als Alexander ihn fragte, wie weit man in der Höhle kommen kann, antwortete er: Es ist wie bei einer Jungfrau; je weiter man kommt, desto schöner ist es. Das Ideal dieses Mannes ist es, einmal nach Wien zu kommen, um sich dort in den Museen Vorbilder für die Namengebung seiner Tropfsteine zu holen. Ich überzahlte den 'größten Lumpen von Divaca`, wie er sich nennt, mit einigen Gulden, damit er sich schneller aus dem Leben trinken kann.

Die Höhlen von St. Canzian, die wir am Nachmittag sahen, sind ein schauerliches Naturwunder, ein unterirdischer Flußlauf durch großartige Gewölbe, Wasserfälle, Tropfsteinfelsbildungen, Nacht, schlüpfrige, mit eisernen Geländern versicherte Wege. Der reine Tartarus. Wenn Dante dergleichen gesehen hat, so brauchte er für sein Inferno nicht viel Phantasieanstrengung mehr. Der Herr von Wien, Herr Dr. Carl Lueger, war mit uns gleichzeitig in der Höhle, die uns alle nach 3 1/2 Stunden wieder ans Licht spie.

Montag abends fing die Heimreise an. Tags darauf konnte ich an der Wiederkehr von Einfällen bei der Arbeit merken, daß die Ruhe dem Apparat wohlgetan hat." (Freud 1986, S. 336ff.).

Für Freud waren natürlich nicht nur Begegnungen mit Archäologie, Kunst, Bergen und Leuten auf seinen Reisen wichtig, sondern er freute sich auch über angenehmes Reisewetter. Nach einem längeren Aufenthalt in kälteren Gefilden in Kärnten im August 1900 konnte er es gar nicht erwarten, wieder nach Südtirol und Italien zu kommen. Später schrieb er dann an Fließ: "Im vollen Süden wurde es mir erst recht behaglich, unter Eis und Schnee hatte mir etwas gefehlt, was ich damals nicht zu nennen wußte. Die
 
 

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Sonne war im Trentino sehr liebenswürdig, keineswegs so unerträglich wie in Wien." (Freud 1986, S. 465). Das schöne Wetter wirkte sich auch auf Freuds Stimmung aus und er schrieb weiter: "Von Trient führte uns ein Ausflug zu dem traumhaft schönen Castel Toblino (Abb. 27 Castel Toblino in Südtirol), wo der köstliche Vino Santo wächst, der erst zu Weihnachten gekeltert wird." (ebenda). Von Castel Toblino aus fuhr Freud dann nach Lavarone. Doch auch dort war es ihm zu kalt: "Die Nächte wurden aber kühl, und so steuerte ich denn direkt auf den Gardasee22 zu . . In Riva saßen wir endlich fünf Tage, göttlich untergebracht und gefüttert, eine Schwelgerei ohne Reue und Trübung . ." (ebenda)

Vorher hatte Freud von Torbole aus eine Ansichtskarte mit der Goethe-Gedenktafel23 an Fließ geschickt und von Riva aus unternahm er "zwei lange Seefahrten ... einmal nach Salo, das andere Mal nach Sirmione, wo ich in den Ruinen der angeblichen Villa des Catull (Abb. 28 Ruinen der Villa des Catull in Sirmione am Gardasee) herumgestiegen bin." (ebenda, S. 466). Überhaupt war der Gardasee für Freud ein Paradies.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Im September 1908 verbrachte er mit Minna ein paar Tage in Salo und schrieb an seine Familie " Die Landschaft kennt Ihr ja, wenn man bei flüchtiger Durchreise kennenlernen kann. Sie ist sehr viel schöner wenn man in ihr verweilt. Vorgestern haben wir mit dem Motorboot, das heißt allein, eine Fahrt nach S. Vigilio gemacht, der Punkt gehört zum Allerschönsten am Gardasee, also zum Schönsten überhaupt (Abb. 29 Villa Guarieti in San Vigilio am Gardasee). Es ist ein Ort, um dort in Einsamkeit zu wohnen, für eine Familie natürlich unbrauchbar. Im Vorüberfahren haben wir die Insel studieren können, mit dem gewöhnlichen Effekt de: unverhohlenen Neides, nicht der Fürst Borghese zu sein Gestern und heute beschränken wir uns auf Spaziergänge; wobei man sich ohne weitere Begründung sehr wohl fühlt." (Freud 1960, S. 275).
 
 

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Doch Freud bereiste nicht nur den Süden der Habsburger Monarchie. Die Sommer 1917 und 1918 verbrachte er in der Hohen Tatra. Begeistert scheint ihn das Wetter dort nicht zu haben, urteilt man nach einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 13. Juli 1917: "Ich sitze hier in der Tatra und friere. Wenn es ein kaltes Paradies gäbe, würde man es hieher verlegen dürfen, aber im Paradies muß es warm sein, sogar etwas heiß, und der Wind muß lau wehen, nicht als kalter Sturm, der während des Schreibens das Briefblatt fort tragen will. Und wenn man schon im Paradies schreibt, dann nicht im Lodenmantel. Die Weltsperre und das Versprechen, uns aufzufüttern, haben uns hieher getrieben. Es geht sonst wirklich ganz gut. Csorbató heißt Corbasee. Die Gipfel der Hohen Tatra schauen mir drohend zu, während ich mich getraue, Wetter und Klima zu bekritteln." (Freud 1960, S. 318f.)

Doch trotz des schlechten Wetters schien Freud die Zeit gut genutzt zu haben. Einerseits hat er seine Arbeit "Eine Kindheitserinnerung aus Dichtung und Wahrheit" (Freud 1917) zur Niederschrift vorbereitet, andererseits war er häufig wandern und Pilze suchen. Hanns Sachs, der ebenfalls in Csorbat¢ Urlaub machte, schreibt: "Als wir im Sommer 19? 7 in der Tatra lange Ausflüge auf schlechten Wegen machten und der Rest unserer Gesellschaft24 nach zwei- bis dreistündigem Marsch eine Atempause brauchte, setzte sich Freud nie mit uns nieder, sondern ging für sich allein auf kleine Entdeckungen aus. Immer fand er eine unerwartete Aussicht oder eine seltene Pflanze oder sonst etwas, was ihn interessierte. Seine Augen besaßen dieselbe unheimliche Eigenschaft wie sein Geist oder besser gesagt, diese Eigenschaft war so stark in ihm, daß sie sich auf alles, was er tat, erstreckte -, die Eigenschaft zu sehen, was alle anderen übersahen. Das wurde mir durch eine Klei-
 
 

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nigkeit mit schlagender Beweiskraft gezeigt. In den Wäldern der Tatra wuchsen Herrenpilze, die schmackhaftesten aller Schwämme. Freud veranstaltete Wettsuchen und setzte einen ersten und einen zweiten Preis (20 und 10 Heller) für die schönsten Exemplare aus. Aber keiner von uns bekam je etwas von diesem Geld, denn jedesmal gewann er selbst beide Preise." (Sachs 1982, S. 100).

Neben den Reisen nach Südtirol und Dalmatien, den Sommeraufenthalten im Salzkammergut und der Hohen Tatra, den Kuren in Karlsbad und Bad Gastein, war Freud auch in Budapest (1914, 1918) und in Steinamanger (1883; heute Szombathely). So haben ihn seine Reisen innerhalb der Donaumonarchie in Gegenden geführt, die heute zu fünf verschiedenen Ländern gehören.
 

Anmerkungen

21 Möglicherweise beruht auch die Wirkung des Gebirges auf Freud auf einem ähnlichen Mechanismus wie die Wirkung von Altertum und Antike: Auch Berge sind Zeugen der Vergangenheit, wenn auch einer geologischen Vergangenheit. Doch das Vergnügen, aus Andeutungen die Vergangenheit zu rekonstruieren, war bei Freud sehr ausgeprägt. Übrigens hat ja auch Goethe in seiner "Italienische Reise" mehrfach Bemerkungen zu den Alpen und ihrer Geologie macht.
22 Der Nordzipfel des Gardasee mit Riva und Torbole gehörte bis 1919 zu Österreich-Ungarn, der überwiegende Teil zu Italien.
23 Goethe war am 12. September 1786 in Torbole und verließ es am 1. September zeitig am Morgen.
24 Außer Hanns Sachs waren noch Ferenczi (zwei Wochen) und Eitingon und Rank für je zwei Tage in Csorbató.

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